Buchcover

Gerstendörfer, Monika, „Der verlorene Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung”, Junfermann 2007. ISBN: 3-87387-641-8.

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß - Rezension

Verbergen, verschleiern, vortäuschen. Wer Monika Gerstendörfers Buch liest, weiß bald, dass die eigene Märchenzeit noch längst nicht vorüber ist. Widerstandslos lassen wir uns durch Wörter in die Irre führen.

Und so entgeht uns Rumpelstilzchens fröhliches Liedlein, während es ums Feuer springt; es wird nicht belauscht und nicht enträtselt und beherrscht nun unsere Lebenswirklichkeit: Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.

Bitter.

Aber Monika Gerstendörfer hört zu, hört genau zu und nennt beim Namen. Es geht hier um sexualisierte Gewalt, sagt sie, und entlarvt betrügerische sprachliche Verhüllungen einer gedankenlosen, verletzenden und gefährlichen Alltagssprache. Wie opferfeindlich unser unbesonnenes, bloß imitierendes Geplapper wirklich ist, wird jedoch nur selten bewusst.

Begriffe, die keine Empathie mit den Opfern zulassen, die Vergewaltigte, Gedemütigte und Gequälte auf kritische Distanz halten oder Begriffe, die das reale Geschehen verharmlosen, spielen den Tätern in die Hände. Mehr noch: Sie blockieren gesellschaftliche Veränderungen. Und die Autorin weiß, wovon sie redet.

Kinderpornografie? „Was ist das denn, bitteschön?” fragt sie provozierend. Den grausamen Gewaltakten, die hier vor mitleidlosen Augen verübt und erlitten werden, kann dieser Begriff wohl nicht gerecht werden. Bequem ist er, dieser Begriff, weil er nichts verrät, weil er uns, die ihn benutzen, den realen Schmerz der Opfer vom eigenen Leibe hält. ,Kinderpornografie', das geht über die bloße Feststellung einer unangemessenen Sprachführung hinaus, denn „es ist eine Schande und unerträglich, dass man hier noch von ,Pornografie' spricht.”

Ob Kinderschänder, Triebtäter, häusliche Gewalt oder Sextourismus, Monika Gerstendörfer stellt gängige Begriffe auf die Probe. Das Ergebnis erschreckt. Selbst ein Begriff wie „Vergewaltigung”, der zwar richtig ist, „denn er weist auf die Tat hin: Ver-Gewalt-igung”, bedeutet keine Entwarnung. Im Gegenteil, die Autorin zeigt eindrücklich, wie und mit welchen Folgen die Tat und das Opfer als „diskussionswürdig” behandelt werden.

Anders, und deshalb ungewöhnlich, findet man in diesem Buch nicht ausschließlich menschliche Opfer und Täter. Auf den letzten Seiten kommt das Tier als Opfer sexualisierter Misshandlungen und seine Misshandler ins Blickfeld. Bewusst geht die Autorin über das sonst Übliche hinaus; das heißt, über die stillschweigende Konvention, das Tier bestenfalls als Indikator für Gewaltdelikte gegenüber Menschen zu sehen. „Zoophilie” heißt das Unwort, das man nicht übernehmen sollte. „Das ist eine Selbstbezeichnung von Tätern, von Zookriminellen”.

Dieses Buch ist eine Herausforderung, die man nur persönlich annehmen kann. Unnachgiebig heftet sich die Aufmerksamkeit an das Vertraute, das Selbstverständliche, das Gewohnte: den eigenen Sprachgebrauch. Nicht jeder wird bereit sein, die Verantwortung für „seine Sprache” zu übernehmen. Der Verharmlosung nachzugeben, liegt greifbar nahe. „Es sind doch bloß Wörter, hör doch, nur Wörter”.

Die Sprache als Handlung mit positiven und negativen Wirkungen zu begreifen und bewusst zu nutzen, darin liegt für Monika Gerstendörfer eine reale Chance zur Veränderung. Diese Chance kann jede/r ergreifen, um durch „eine veränderte Sprech- und Schreibweise seinen/ihren Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt zu leisten.” Es ist möglich, das ist die gute Botschaft. Niemand muss die Selbstbezeichnungen von Tätern übernehmen - das wäre ein erster, wichtiger Schritt, ein Anfang. „Pädophile” sind eben nicht lieb, nicht „phil'”, sie sind auch keine „Pädosexuellen”, denn das, was das Opfer empfindet, hat mit Sexualität nichts zu tun, rein gar nichts. Was hier stattfindet ist „ein Frontalangriff auf das Initimste eines Menschen”. Das ist grausam, zerstörerisch, das ist „kriminell”, nämlich „pädokriminell”.

Wie immer der einzelne seine Chance nutzen wird, dieses Buch hinterlässt Spuren. Die intensive Durchleuchtung gängiger Begriffe, wie Kinderschänder, befreit diese von der vertrauten Selbstverständlichkeit und zieht nun Aufmerksamkeit. Das gewohnte Wissen gerät ins Straucheln: Kinderschänder? „Was ist das denn, bitteschön? Kinderschänder gibt es nicht!

© Gabriele Frey
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