Warum die Anthologie

Vor ungefähr einem Jahrzehnt trafen Sibylle Schücking-Helfferich (Tierärztin, Gründerin zahlreicher Initiativen für Frauen und Kinder) und ich uns in einer Frauenorganisation. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich war sehr beeindruckt von dieser Frau über 70, weil sie so unglaublich authentisch, so voller Energie und positiver Aggression war. Außerdem war sie so wohltuend angstfrei...

Eines Tages berichtete sie mir von ihrer Idee, einer Art Dachorganisation mit dem Schwerpunkt „Gewalt gegen Frauen in Deutschland“. Sibylle wollte vor der eigenen Haustüre kehren. Ich auch! Es vergingen ein, zwei Jahre, und wir sprachen erneut über die Idee. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, eine Organisation zu gründen, die die Problematik „sexualisierte Gewalt“ – vor allem im eigenen Land – in Angriff nehmen sollte. Eine Organisation, die Tacheles redete! Eine mutige Organisation!

Im Februar 1997 war es dann soweit. Sieben Gründungsmitglieder redeten sich die Köpfe heiß: Wie sollte die Organisation heißen? Welche Ziele, welches Credo, welche Arbeitsweise und und ... sollte sie haben? Schließlich einigten wir uns.

Die Lobby für Menschenrechte e.V. begann ihre Existenz!

Eine Geschichte der Lobby – mit all den Erfolgen, den Höhen und Tiefen – würde mittlerweile ein eigenes Buch füllen. Und es würde kein langweiliges Buch werden! Alles in allem war es eine harte, entbehrungs- und arbeitsreiche, oftmals aufregende Zeit. Von den Gründerinnen bin nur noch ich als aktives Mitglied übrig geblieben. Ich trage die ganze Geschichte in mir.

Dazu gehört auch Sibylles geistiges Erbe.

SibilleAls sie im Oktober 2000 an ihrem zweiten Schlaganfall starb, blieb ihr Geist nämlich am Leben. Für mich. Und wenn ich manchmal nicht mehr weiter weiß, dann frage ich sie um Rat. Ich versuche, mir vorzustellen, was sie in meiner Lage getan hätte. Ich kann sie sehen und hören. Ich spüre ihre Unerschütterlichkeit und ihre Klarheit. Das hilft mir.

Insgeheim bete ich, dass Sibylles und mein Geist, der die Philosophie der Lobby so sehr geprägt hat, erhalten bleibt. Das ist mir extrem wichtig. Wie lange die Lobby existieren wird, weiß ich nicht. Es hängt davon ab, ob wir es durchhalten werden, immer gegen diesen kalten Strom anzuschwimmen. Es hängt davon ab, wie viele Menschen uns ab und zu ihre Hand reichen, damit wir uns mal am Ufer ausruhen können. Es hängt davon ab, ob wir genügend Solidarität erhalten werden; dies nicht nur in Worten...

Doch eines steht fest:

Wir haben sieben Jahre durchgehalten! Und diese sieben Jahre sollen eine Art „Markierung“ erhalten – eben durch diese Anthologie.
Sibylle, ich hoffe, dass dies in Deinem Sinne ist.

Monika Gerstendörfer im Mai 2004

10 Jahre MenschenrechteEine Teilgeschichte für Interessierte:
„10 Jahre für die Menschenrechte – Was bleibt?“


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