Franziska Kelly
 
Eine ganze Stunde nur für dich...


Siehst du, Timmi, da liegst du nun so friedlich und schläfst entspannt wie ein unschuldiges Baby. Warum nicht schon früher?

Ach, ich muss mich wirklich selbst an der Nase packen und mir die Schuld in die Schuhe schieben. Ja, ich war es! Ich hätte deinen Zustand früher erkennen und dir eher helfen müssen. Aber besser spät als nie. Stimmt’ s? Ja, es stimmt.


Franziska Kelly
Eine ganze Stunde nur für dich...
Warte eine Sekunde! Ich will das Fenster für dich öffnen. Die feine, laue Luft wird dir gut tun. Hörst du die Amsel? Oh, lass doch die Augen geschlossen und stell dir vor, sie sänge nur für dich. Für dich ganz allein. Ist das nicht wunder-, wunder-, wundervoll? Ja, das ist es.

Ich bin sehr froh, mein Schatz. Endlich kannst du dich entspannen, musst nichts tun, und ich kann dir einmal mein Herz ausschütten. Wie lange schon wollte ich dir so Vieles sagen. Nun ist die Zeit gekommen. Wir haben Zeit, Timmi.

Alle Zeit der Welt!

Wo soll ich nur beginnen? Ach, lach mich nicht aus. Du weißt ja, wie die Frauen sind. Sie reden und reden, kommen vom Hundertsten ins Tausendste und hören nie mehr auf. „Schnattergänse“ hast du immer gesagt. „Die hören erst auf, wenn man sie richtig...“, na ja, lassen wir das vorerst.

Erinnerst du dich, als wir uns die ersten Male trafen? Wir waren so jung. Du warst so charmant, so aufmerksam. Fast schon zu sehr. Wenn mich ein anderer auch nur ansah...

„Das ist Liebe“, sagtest du. „Ich will dich. Du gehörst mir.“ Und dann nahmst du mich immer ganz fest in den Arm. Zuhause liebten wir uns dann. Oh, du konntest so leidenschaftlich sein! Du warst ein sehr raffinierter Verführer, Timmi. Raffinierter ging es kaum. Ja, das war eine schöne Zeit. Ich gab mich einfach hin und genoss deine Liebe, bis ich eben schwanger wurde.

Du hast... Du hast am Anfang etwas irritiert reagiert, mein Schatz. Das musst du zugeben. Ach, wir waren so jung. Aber da war ja noch deine Mutter und meine auch. Also heirateten wir. Weißt du noch, wie du in der Kirche vor dem Ja-Wort niesen musstest? Mir blieb fast das Herz stehen. Aber dann hast du es doch gesagt.

Lieben, achten und ehren... bis dass der Tod euch scheidet!

Hörst du die Amsel? Sie will gar nicht mehr aufhören. Wunderschön! Ist dir kalt? Warte, ich ziehe die Decke etwas höher. So, jetzt wird es gleich besser.

Die beiden anderen kamen wirklich schnell hintereinander. Ich war andauernd schwanger. Du hattest schon Recht: ich hätte die Pille nehmen sollen. Aber ich vertrug sie doch so schlecht, Timmi. Und mit Kondomen wolltest du nicht. „Mein Schwanz braucht Natur“, sagtest du immer. Mit Spirale ging es leider auch nicht, weil du sonst keinen richtig harten Sex haben konntest. Das war schon ein Elend über eine gewisse Zeit. Aber dann war ich ja sterilisiert. Du hattest also freie Bahn.

Timmi, ich muss dir nun etwas gestehen: ich fühlte mich damals nach der Operation gar nicht gut. Ich war so traurig. Und dann hast du mich auch verwirrt. Weißt du noch, wie du allen erzähltest, dass ich jetzt zwar ohne Risiko zu ficken sei, aber eben keine richtige Frau mehr? Das tat weh. Vielleicht war ich auch nur überempfindlich?

Deine Mutter sagte das jedenfalls. Ich sei selbst schuld an allem, meinte sie. Wer seinen Unterleib andauernd anböte, brauchte sich nicht zu wundern, wenn die Männer durchdrehen.

Ach, deine Mutter! Ihre Koch- und Backkünste sind wirklich nicht zu übertreffen. Dabei ist ihr Haushalt immer tiptop. Alles glänzt. Es gibt einfach keine Unordnung. Dieses Niveau habe ich nie erreicht. Unsere Kinder wollten eben auch spielen. Oder sie kamen von draußen und schleppten allerlei Dreck mit herein. Aber das soll keine Ausrede sein! Deine Mutter sagte, dass sie das als junge Frau auch in den Griff bekommen habe und trotzdem sei es gemütlich und friedlich zugegangen. Ich bin ganz sicher, dass es so war. Meine Mutter war ja ähnlich. Sie strickte und nähte obendrein unsere Kinderkleidung. Oft bis in die Nacht hinein. Und das alles nur, damit sie sich nicht zu schämen brauchte. Unseretwegen. Ja, auch sie opferte sich.

Ich weiß nicht, warum ich mich nicht so vollständig für die Kinder geopfert habe. Immerhin warst da ja noch du. Du wolltest auch dein Recht, Timmi.

Es war nicht so einfach, die Kinder ruhig zu halten, wenn du müde und erschöpft von der Arbeit nach Hause kamst. Es gelang mir nicht immer. Das gebe ich zu. Und wenn sie dann noch schlechte Zensuren heim brachten! Oh je. Da warst du zu Recht böse. Immerhin war ich ja den ganzen Tag zu Hause, musste nicht arbeiten, hätte mich kümmern können, und trotzdem gab es eben diese schlechten Zensuren. Als die Kleine auch noch zu stottern anfing, bist du wirklich ausgerastet, Timmi. Das war ein Tag, den ich nie vergessen werde. Seitdem fehlt mir eine Niere. Aber ich habe ja noch eine.

Apropos Niere. Du fühlst dich immer noch so kalt an. Entschuldige bitte. Ich hole schnell die Lamadecke aus dem Wohnzimmer. Ich möchte das Fenster nicht zu machen. Die Luft ist so lau. Sie erinnert mich an Frühling, Hoffnung und Leben. Das verstehst du doch?

So, mein Schatz, jetzt bist du ganz feste eingepackt. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe es vergessen. Verzeih mir. Doch, ich glaube, ich erzählte von meinen Freundinnen und Nachbarinnen. Ja, sie sind so begeistert von dir. Wie sie mich beneiden! Ein so toll aussehender, so männlich wirkender Mann wie du ist schon etwas Besonderes.
 
Sie verstanden überhaupt nicht, warum ich nicht öfters zur Kosmetik und zum Frisör ging bei einem derart erotisierenden Ehemann. Aber wie sollte ich das machen ohne Geld? Nein, erschrick nicht! Ich habe ihnen das nie erzählt. Selbstverständlich war ich froh um den täglichen Geldschein, den du mir für den Haushalt gabst. Und natürlich für die Zulagen, wenn die Kinder in ein neues Schuljahr kamen oder Schuhe und sonstigen Kram benötigten. „Hier ein Teil meines schwer verdienten Geldes“, sagtest du jeden Morgen zu mir. Manchmal fügtest du noch hinzu: „Mach dir wie immer einen schönen Tag.“

Als ich dann einige Stunden im Supermarkt an der Kasse arbeitete, warst du ja erst böse. Lach nicht! Das war so. Ich erinnere mich genau. Irgendwann hast du es akzeptiert, mir abends das verdiente Geld abgenommen und zufrieden ausgesehen. Nun, was sollte ich auch damit.

Doch ich schweife ab. Meine Freundinnen... Manchmal durften sie mich nicht besuchen. Auch da hattest du Recht. Ich hätte mich nur geschämt. Mein verfärbtes, geschwollenes Gesicht war wirklich nicht schön anzusehen. Außerdem warst du in solchen Zeiten auch immer so nett zu mir. Da war es besser, wenn wir ungestört waren. Einmal brachtest du mir sogar Blumen mit! Ich war glücklich.

Leider kamen sie dann wieder in unser Haus. Ich weiß, ich weiß! Du hast es genossen. Sie himmelten dich an und genossen deine Komplimente und deinen männlichen Charme in vollen Zügen. Richtig unangenehm fand ich es nur, wenn deine Mutter dabei war und dir nach dem Besuch sagte, dass du etwas Besseres verdient gehabt hättest als mich. Meistens nahm sie dann noch ihre ungewaschene Kuchenform mit, weil sie sie lieber selbst säubern wollte. Warum ich mich an solche Einzelheiten so gut erinnere? Das ist einfach zu beantworten, Timmi. Es tat ein wenig weh.

Du bist immer noch so kalt. Das ist merkwürdig. Hoffentlich hast du dir keine Grippe eingefangen. Ob ich das Fenster doch schließen sollte? Ach nein. Du bist doch ein ganzer Kerl. Das hast du selbst oft betont. Also lassen wir das Fenster offen. Mir ist übrigens ganz warm.

Gerade kommt mir so ein Gedanke: erinnerst du dich an das vergangene Wochenende, als du wieder einmal „richtigen Sex“ haben wolltest? Mein Unterleib tut übrigens immer noch weh. Aber es blutet nicht mehr. Dieser Arzt im Krankenhaus... Der war erstaunlich. Er strich mir über den Kopf! Ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Dann sagte er, ich solle zur Polizei gehen; dabei brauchte ich einen Arzt. So ein Verrückter. Ich habe mir gewünscht, er würde mit dir reden. Du hättest ihn schon aufgeklärt, wie du mich immer aufklärtest: „Das glaubt dir doch kein Mensch“, sagtest du immer. Und wie Recht du auch hier hattest! So was kommt nicht mal im Fernsehen oder im Kino. Ich hab das jedenfalls noch nie gesehen. Der Grund liegt sicherlich darin, dass es sowohl langweilig als auch unästhetisch ist. Wer will so etwas schon sehen? Niemand.

Apropos Langeweile: so ein Amsellied wird mir nie langweilig. Sie singt immer wieder die gleichen Strophen. Jeden Tag. Es wird mir trotzdem nicht langweilig. Ob es daran liegt, dass sie so schön singt? Schönes wird nicht langweilig? Nein.

Und Hässliches? Ja.

Ja, das wird langweilig, wenn es sich wiederholt. Jetzt hab ich’s! Wann wird denn der Satz „Ich kann es nicht mehr hören!“ gesagt? Beim Gesang einer Amsel? Nein. Da spitzen alle die Ohren, und ein Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. Wenn sich jemand beschwert, klagt oder weint? Ja. Da drehen sich alle weg und klappen die Ohren herunter. Verständlich.
Oh, Timmi, ich glaube, ich habe etwas begriffen! Danke dir dafür. Siehst du, wie gut es ist, wenn man sich einmal ausspricht?

So, lebe wohl. Ich gehe jetzt zur Kosmetik, dann zum Frisör. Meine Koffer sind schon im Schließfach im Flughafen. Die Kinder werden nicht leiden. Sie sind alt genug. Der Kühlschrank ist leer. Deine Konten auch. Du darfst mir nicht böse sein deswegen. Andererseits brauchst du das alles nicht mehr. Um den Rest von dir wird sich deine Mutter sicher liebevoll kümmern, wenn sie morgen aus dem Urlaub zurück kommt. Sie wird glücklich sein, wenn sie an Allerheiligen, Allerseelen und all den anderen Feiertagen ein weiteres Grab pflegen darf. Schlaf jetzt, mein Schatz. Ich muss mich nun wirklich beeilen. Aber diese eine Stunde wollte ich nur für dich da sein.

© Franziska Kelly

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